Geduld verbinden wir oft mit dem Umgang mit anderen Menschen. Wir wissen, dass niemand vollkommen ist, dass jeder Fehler macht und Zeit braucht, um zu wachsen. Deshalb versuchen wir, verständnisvoll zu sein, zu warten, nachzusehen und nicht vorschnell zu urteilen.
Doch ausgerechnet mit uns selbst gehen wir häufig ganz anders um. Wir erwarten von uns, dass wir schneller lernen, stärker glauben, konsequenter handeln oder längst dort angekommen sein müssten, wo wir uns selbst sehen möchten. Was wir anderen großzügig zugestehen, verweigern wir oft uns selbst.
Im christlichen Glauben ist das eine bemerkenswerte Spannung. Gott ist ein Gott der Geduld. Die Bibel beschreibt ihn als „barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Liebe“. Er begleitet Menschen über Jahre und Jahrzehnte, ohne sie aufzugeben. Er führt Schritt für Schritt, statt Vollkommenheit auf einen Schlag zu verlangen.
Wenn Gott mit uns diesen Weg der Geduld geht, warum sollten wir uns selbst weniger Geduld entgegenbringen? Geduld mit sich selbst bedeutet nicht, sich mit dem eigenen Versagen abzufinden oder Ausreden zu suchen. Sie bedeutet vielmehr, darauf zu vertrauen, dass Gott auch im Unfertigen wirkt. Geistliches Wachstum geschieht selten sprunghaft, sondern meist langsam – oft unmerklich, wie ein Same, der in der Erde keimt.
Wer lernt, mit sich selbst geduldig zu sein, nimmt Gottes Blick auf das eigene Leben ernster als die eigene Selbstkritik. Das schenkt Gelassenheit. Ich muss nicht heute schon der Mensch sein, zu dem Gott mich einmal machen wird. Es genügt, heute den nächsten Schritt mit ihm zu gehen.
Vielleicht ist echte Geduld deshalb nicht nur eine Tugend gegenüber anderen, sondern auch eine Form des Glaubens: Ich vertraue darauf, dass Gott sein Werk in mir nicht aufgibt und dass seine Zeit oft weiser ist als meine Ungeduld.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Geduld mit sich selbst und mit andern,