Die Heilig-Kreuz-Kapelle

 - ein Denkmal der Region

Die Oberdorfer Heilig-Kreuz-Kapelle ist ein spätbarockes Gesamtkunstwerk einfach-ländlicher Ausprägung. Zudem zeugen der historische Ziegelboden und die historisch gewachsene Biberschwanzdeckung des Daches von einem hohen Maß an Originalität.

Es handelt sich um eine Saalkirche mit Ausrundungen der Gebäudekanten zur doppelt achsensymmetrischen Anlage. Das Dach folgt durch kegelartige Abwalmungen exakt der Grundform. Die Fassade wird axial durch Portal, Außenkanzel und Frontispiz betont sowie durch den Turm bekrönt, der dachreiterartig in Wandflucht dem ausgerundeten Walmdach entwächst. Die zentral angeordnete Außenkanzel - konkreter Ort zugleich der Huldigungshandlung und der Wallfahrtspredigt - erhält dadurch eine herausgehobene bauliche Fassung, die Fassade wird zur angemessenen architektonischen Inszenierung.

Der Innenraum entspricht exakt den äußeren Verhältnissen. An zentraler Stelle befindet sich das Deckenfresko mit der Kreuzauffindung der Heiligen Helena von Joseph Ignaz Appiani, das vom zarten Stuck Francesco Pozzis heiter umspielt wird. Den in Rokokoformen gehaltenen Hochaltar ziert ein Blatt mit der Kreuzigung von Johann Jakob Anton von Lenz.

Der Weiler Oberdorf entwickelt sich aus dem Kelhof eines Heilig-Kreuz-Gutes des Klosters Reichenau, der 1272 im Zuge der Neuordnung der territorialen Verhältnisse auf dem Bodanrück an die Deutschordenskommende Mainau gelangt. An der zugehörigen Kapelle etabliert sich eine Wallfahrt, die vor allem für die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg durch urkundliche Nennungen belegt werden kann. Für das späte 17. Jahrhundert ist das Betreiben einer Taverne für Pilger greifbar. Bereits 1569 erhält die Heilig-Kreuz-Kapelle als Stätte der Huldigung gegenüber den Mainauer Ortsherren eine herausgehobene Funktion innerhalb der Deutschordensherrschaft auf dem Bodanrück.

Vor diesem Hintergrund ist das Betreiben des Mainauer Komturs, Friedrich Freiherr von Baden, im baufreudigen Absolutismus des 18. Jahrhunderts zu sehen, der zentralen Huldigungs- und Wallfahrtsstätte den angemessenen baulichen Ausdruck zu verleihen, das heißt, die alte Kapelle durch einen völligen Neubau zu ersetzen und somit eine sinnfällige Verbindung zu den spätbarocken Bauprojekten auf der Insel Mainau herzustellen. Folgerichtig wird der Architekt des Schlosses und der Kirche auf der Mainau, Johann Caspar Bagnato, auch mit der Errichtung der Oberdorfer Kapelle beauftragt. Der vielbeschäftigte Baumeister errichtet 1747/48 einen einfachen, indes wohldurchdachten und harmonischen Kirchenbau.
Für kurzzeitiges Aufsehen sorgt die 2004/2005 durchgeführte Instandsetzung der Kirche. Bestandteil der inneren Konservierungs- und Reinigungsmaßnahmen ist die Bekämpfung des Schädlingsbefalls an der hölzernen Ausstattung. Zur rückstandsfreien Gasbehandlung von Altar und Gestühl wurde der gesamte Bau für einige Wochen in luftdichte Folie verpackt.

(Bericht des Südkuriers am 6. Sept. 2007 zum Tag des Offenen Denkmals am 9. Sept. 2007, wo Kunsthistorikerin Simone Töllner Führungen in der Kapelle anbot)