Kirche St. Nikolaus

- die Mutterkirche der Konstanzer Bodanrückgemeinden

Die laut Chronik um 1493 erbaute Pfarrkirche St. Nikolaus / Dingelsdorf wurde am Tag des Offenen Denkmals am 9. Sept. 2007 mit der Heilig-Kreuz-Kapelle in Oberdorf als historischer Sakralbau in Führungen als Kulturdenkmal besonders gewürdigt. Die Kirche von Dingelsdorf hat eine lange Vorgeschichte. Schon im Jahr 946 wurde sie in der Urkunde des sächsischen Königs Otto I. erstmals direkt erwähnt. Mit zahlreichen weiteren Bodanrückdörfern geriet Dingelsdorf ab 1272 unter die Herrschaft des Deutschen Ordens. Dessen Kommende Mainau bleibt bis zur Säkularisierung im Jahr 1805 Dorf-, Gerichts- und Patronatsherr sowie bedeutendster Grundherr. Als Mutterpfarrei für Dettingen und Litzelstetten kommt Dingelsdorf und seine den Hl. Nikolaus und Hl. Pelagius geweihte Pfarrkirche eine Mittelpunktsfunktion für die umgebenden Dörfer und Weiler zu.

Die Pfarrkirche ist eine Saalkirche mit überhöhtem, dreiseitig geschlossenem Chor und bündig mit dem im Langhaus im Nordwesten entwachsenden Turm. Die Kirche nimmt mit ihrem umwehrten Kirchhof eine exponierte Stellung innerhalb des Dorfes und der gesamten Uferlandschaft des Überlinger Sees ein, die ihre Funktion als einstige Mutterpfarrei für mehrere Bodanrückdörfer eindrucksvoll widerspiegelt. Die ausgeprägte Silhouette des Baues ist einschließlich der Detailformen - wie der glasierten Ziegeldeckung des Turmzeltdaches - ganz auf Fernwirkung angelegt.

Die Baugeschichte der Pfarrkirche ist bislang erst in Ansätzen geklärt. Angesichts der topographischen Anordnung und der kirchengeschichtlichen Stellung ist davon auszugehen, dass der in den Baumassen spätgotisch geprägte Bau ältere Bauteile umfasst. Tatsächlich besteht das Langhaus und der westliche Abschnitt des Chores im unteren Teil aus geschichtetem Wackenmauerwerk, der charakteristischen Mauerwerkstechnik des 12./13. Jahrhunderts.

Diesem Kernbau wird vermutlich im mittleren 15. Jahrhundert ein fünfseitiges Chorpolygon angesetzt. Nach aktueller dendrochronologischer Untersuchung wird der gesamte spätgotische Bau 1455/56 unter Dach gebracht. Die Sparrendächer mit verblatteten liegenden Stühlen über Langhaus und Chor haben sich bis heute erhalten. Etwa 5 Jahre später wird der in den unteren Geschossen dem Langhaus eingestellte Turm hochgeführt. Bauliche Befunde weisen darauf hin, dass die silhouettenprägende Überhöhung des Chorhauses erst auf einen Planwechsel um 1467 zurückgeht, wobei der eben erst abgezimmerte Dachstuhl nochmals neu aufgeschlagen wird. Eine am Bau offensichtlich tradierte Bezeichnung mit 1493 - angebracht am Schlussstein des Eingangsportals von 1907 - mag sich auf die Weihe des spätgotischen Umbaus beziehen.

Wohl in der ersten Hälfte des 18. Jhs. erfolgt die Barockisierung der Kirche. Dabei werden die heute noch vorhandenen Flachbogenfenster eingebrochen. Die Chorfenster werden lediglich zugesetzt und bleiben mit Gewände und spätgotischem Maßwerk rudimentär erhalten. Der Innenraum erfährt eine zurückhaltende Stuckierung und aufgemalte Pilastergliederung. In diesem Zuge wird die heute in großen Teilen noch vorhandene liturgische Ausstattung neu geschaffen, darunter die Seitenaltäre von 1727 und der Hochaltar von 1744. Die Altäre und Skulpturen zeigen eine barocke Ausstattung, allen voran ist es der spätbarocke Hochaltar mit schräg gestellten Säulen, verkröpftem Gebälk und darüber angeordnetem Auszug. Bekrönt wird das Altarretabel vom Deutsch-Ordens-Kreuz, sichtbares Zeichen der Herrschaftsverhältnisse. Das Altarblatt zeigt die Geburt Christi mit Anbetung der Hirten, das Auszugsbild die Anbetung der Heiligen Drei Könige. Flankiert wird der Altar von barock bewegten Skulpturen: den Kirchenpatronen Nikolaus und Pelagius sowie Engeln in der oberen Zone.

Die Altargemälde mit den Weihnachtsdarstellungen stammen von dem Konstanzer Maler Lenz wohl aus dem Jahr 1750.
Besonders beachtenswert ist eine spätgotische Kleinplastik der Taufe Jesu über dem Taufstein, eine Skulptur des hl. Sebastian und Reste spätgotischer Wandmalereien an der südlichen Chorwand sowie das Fresko mit dem hl. Otmar.

Umfangreiche bauliche Veränderungen sind für 1904 bis 1908 belegt. Die nördlich an den Chor gefügte Sakristei wird erweitert. Zum Kirchenraum artikuliert sich diese Maßnahme durch die in den Chor geschobene Empore. Dadurch kann die bestehende Westempore als Erweiterung des Gemeindebereichs genutzt werden. Neubarocke Zutaten fügen sich organisch in das barocke Interieur ein. Um 1950 entstand die Vorhalle.

Im Kontrast zur barocken Ausstattung des Hochaltars kam ein neuer Zelebrationsaltar, der die zuvor provisorische Einrichtung ersetzte. Dieser wurde in der Reichenauer Silberschmiede Stefan Epp im Jahr 2002 hergestellt mit Ambo, Sedilien und Kredenztisch. Die in den Altar eingefügte von Pfarrer Zimmermann der Pfarrkirche übergebene St. Sebastians-Reliquie ergänzt so die kostbare St. Sebastians-Statue an der Westwand.

Beachtenswert ist auch die Konstruktion des Turmes, der ost- und nordseitig auf einem massiven Mauerwerk errichtet ist. Die Lasten des Turmes, die in der Nord-Ost-Ecke auf die Deckenbalkenlage des Hauptdaches abgeleitet werden, sind im Kircheninnenraum über eine massive achtkantige Eichenstütze im Durchmesser 60 cm nach unten abgegeben.

Im Jahr 1861 wurde der Glockenstuhl mit drei Glockenkammern in den Turm-Dachstuhl eingebaut, der allerdings statische Mängel aufwies. Beachtenswert die darin befindlichen Glocken:

 Glocke  1  2  3
 Gussjahr  1606  1697  1801
 Giesser  Gesus  Ernst  Rosenlecher
 Gewicht  900 kg  400 kg  150 kg
 Durchmesser  1.100 mm  840 mm  600 mm
 Nominal/Schlagton      as```` - 1      b```` - 1         f`` - 2

 

 

 

 

 

Unter sorgsamer Wahrung der historischen Substanz bezog sich im Jahr 2007 unter Architekt Christian Mitteis die notwendig gewordene Instandsetzung der Pfarrkirche St. Nikolaus auf die Dachwerke von Hauptschiff, Chor, Empore und Sakristeieinbauten, auffrischende Malerarbeiten im Innern sowie eines Beichtstuhls, der auch für Beichtgespräche geeignet ist und vor allem einer gründlichen Sanierung im Außenbau des Gebäudes und Instandsetzungen an der Glocken- und Turmuhranlage. So ist nun wieder die ehemalige Mutterkirche der inzwischen kleinsten der Konstanzer Bodanrück - Pfarrkirchen zu einem würdigen Ort der Einkehr, des Gebetes und der Gottesdienste geworden.

Pfarrer Bernd Zimmermann

Quellen:
Flyer zum Tag des Offenen Denkmals
sowie Informationen von Architekt Mitteis