Vor 100 Jahren starb Johann Martin Schleyer

Pfarrer in Litzelstetten (1875 – 1885), Erfinder von Volapük

Die Bayerische Staatsbibliothek in München führte aus diesem Anlass unter dem Titel „Zwischen Utopie und Wirklichkeit“ eine Ausstellung über konstruierte Sprachen für die globalisierte Welt durch. Die Ausstellung konnte besucht werden vom 15. Juni bis 9. Sept. 2012. Die Leitung hierfür hatte Frau Dr. Andrea Pia Kölbl von der Staatsbibliothek. Hierzu wurde auch eigens ein Begleitband herausgegeben.

Er war mal einer der bekanntesten Konstanzer: Aber wer war Johann Martin Schleyer und worin besteht seine Bedeutung für die Gegenwart?
Als Johann Martin Schleyer vor 100 Jahren – am 16. August 1912 – in der Konstanzer Schottenstraße 37 starb, hatte er nach eigenen Worten ein „viel bewegtes Leben“ hinter sich. Der in Oberlauda (18. Juli 1831) geborene Schleyer wurde nach seiner Gymnasialzeit in Tauberbischofsheim und Karlsruhe sowie Universitätsjahren in Freiburg 1856 von Erzbischof Hermann von Vicari in St. Peter zum Priester geweiht und wirkte anschließend in verschiedenen Pfarreien des Erzbistums: Sinzheim, Baden-Baden, Kronau, Wertheim und Meßkirch. Die Verwaltung seiner ersten eigenen Pfarrei in Krumbach (1867-1875) fiel in die Zeit des Kulturkampfes, der ihn wie viele andere Priester zum „Sperrling“ machte: er verbüßte vier Monate Festungshaft in Rastatt und verfasste dort auf Deutsch und Latein „Meine sieben Festungspsalmen“.
Seine fruchtbarsten Jahre (1875-1885) verbrachte er nach seiner Haftentlassung in der kleinen Pfarrei St. Peter und Paul zu Litzelstetten, wo ihm auch die Insel Mainau pastoral unterstellt war, so dass er regelmäßig Kontakte mit dem Großherzog und auch mit dem Kaiser hatte. In dieser Zeit veröffentlichte Schleyer seine Zeitschrift Sionsharfe.

Durch seine Gedichtbände und seine Zeitschrift hatte Schleyer – mehr als seine heute in Vergessenheit geratenen Mitbrüder – einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt und Eingang in zeitgenössische literaturwissenschaftliche Werke gefunden. Den großen Durchbruch und internationale Berühmtheit erlangte er aber nicht als Lyriker, sondern als Autor der Plansprache Volapük, deren erste Skizze er 1879 vorlegte. Ein Jahr später erschien in Sigmaringen das erste Lehrbuch dieser Sprache, die sich von Süddeutschland aus ausbreitete und rasch die europäischen Länder und Übersee erreichte. Es entstanden Vereine und Verbände, Zeitschriften und Bücher erschienen und drei internationale Kongresse (Friedrichshafen 1884, München 1887, Paris 1889) wurden durchgeführt. Doch bereiteten Reformbestrebungen und Schleyers Festhalten an der von ihm entwickelten Sprachform den Ruin des Volapük vor. Noch ehe um 1900 Esperanto in großem Stile bekannt wurde, war der Stern des Volapük bereits wieder untergegangen. Nach seiner krankheitsbedingten Pensionierung 1885 privatisierte Schleyer in Konstanz, wo er seine schriftstellerische Tätigkeit fortsetzte.
Mit seiner Sprache und deren sozialer Wirklichkeit wurde Schleyer ein Wegbereiter der sehr viel erfolgreicheren Sprache Esperanto, in der sein Ideal der Völkerverständigung durch eine gemeinsame, neutrale und leicht zu erlernende gemeinsame Sprache für alle fortlebt. In der Wissenschaft von den konstruierten Sprachen, der Interlinguistik, lebt sein Ruhm weiter. Zahlreiche Publikationen der letzten Jahre sorgen für die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung von Leben, Wirken und Werk Schleyers. Eine Gesamtbibliographie aller seiner Veröffentlichungen soll 2012 erscheinen.
Das vor wenigen Jahren renovierte Grabdenkmal auf dem Konstanzer Hauptfriedhof ist Stätte des Gebets: Schleyer gilt heute als Patron der Völkerverständigung und wurde 2001 dem Freiburger Erzbischof zur Seligsprechung vorgeschlagen.
(Südkurier Nr. 189, Donnerstag, 16. August 2012 von Reinhard Haupenthal)