Prälat Johann Martin Schleyer, 100. Todestag

Menade bal – Püki bal !    Einer Menschheit – eine Sprache!

Vor 100 Jahren, am 16.8.1912, starb der damals bekannteste Konstanzer, Prälat Johann Martin Schleyer. Die „Konstanzer Nachrichten“ würdigten in einem langen Artikel seine intellektuelle Leistung als Erfinder der Kunstsprache VOLAPÜK, aber auch seine Offenheit und Herzensgüte.

Joh. M. Schleyer hatte am 31. März 1879 im Pfarrhaus von Litzelstetten – er war Pfarrer von Litzelstetten – die blitzartige Eingebung, eine Weltsprache zu entwickeln, die leicht erlernbar ist und die Völker zusammenführen sollte. Er entwickelte die Prinzipien für seine Plansprache Volapük:
Es gibt einen Wortstamm, meist aus dem Englischen, daraus erschließt sich eine ganze Wortfamilie über Nachsilben oder vorangestellte Buchstaben. Es gibt nur eine Konjugation und Deklination. Unregelmäßigkeiten sind ausgeschlossen. Die Sprache soll in 4 Wochen erlernbar sein. (s. unten)

1880 veröffentlichte Schleyer sein erstes Lehrbuch zu seiner Kunstsprache. Im Vorwort zu seiner Grammatik schreibt er visionär: „Durch die Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphie und Telephonie ist der Erdball zeitlich und räumlich zusammengeschrumpft.“..“Die Menschheit wird täglich kosmopolitischer und sehnt sich nach Einigung ... auch in Bezug auf Sprache sollte sich das Brudergeschlecht der Menschen mehr einigen.“ Und dies in einer Zeit, wo es weder Radio noch Fernsehen gab, in welcher der Imperialismus politisch die bestimmende Größe war.

Die Plansprache Volapük trat einen unvergleichlichen Siegeszug an. Nach wenigen Jahren zählte sie ca. 1,5 Millionen Anhänger. Auf allen Kontinenten kam es zur Gründung von Vereinen, um Volapük zu lernen und zu pflegen. Es gab mehr als 20 Zeitschriften. Kongresse und Tagungen wurden durchgeführt. 1881 und 1883, jeweils sinnhafterweise an Pfingsten, veranstaltete Schleyer auf St. Katharinen Deklamationsfeste mit Beteiligung junger Leute aus Litzelstetten, Wollmatingen und Allmannsdorf. 800 bis 1000 Personen waren anwesend. Es wurde in 20 Sprachen deklamiert und musiziert.

Dem atemraubenden Aufstieg der Plansprache folgte ein ebenso rascher Niedergang, wofür sich Gründe benennen lassen. Die Wortbildungen waren teilweise sehr bizarr und durch die vielen Umlaute für romanische Länder schier unaussprechbar. Vorgeschlagene Änderungen, z.B. die Deklination nicht über die Endung auszudrücken sondern durch einen Artikel, lehnte er strikt ab. Schleyer pochte darauf, dass alles über ihn zu laufen habe. Ihm war nicht bewusst, dass bei einer Sprache, die weite Verbreitung erfahren soll, auch viele mitreden. Es kam zu Zwistigkeiten. Treue Weggefährten der ersten Stunde und große Verfechter für eine Weltsprache wandten sich ab. Die Volapük-Gemeinde begann sich aufzulösen. Die geniale Idee wurde nicht fortentwickelt und verfiel. Bei Esperanto, das einige Jahr später entstand, hat man diese Fehler vermieden.

Litzelstetten rückte für einige Jahre durch die Plansprache Volapük in die Weltöffentlichkeit. Schleyer war am 17.12. 1875 als Pfarrer nach Litzelstetten versetzt worden, wo er bis zu seiner Zurrruhesetzung 1885 sich um die Seelsorge kümmerte. Litzelstetten zählte damals 251 Einwohner, auf 40 Häuser verteilt. Die Versetzung in dieses kleine Nest erfolgte sicher auf Druck des Staates. Der Versetzung war eine viermonatige Festungshaft in Rastatt vorausgegangen, weil er in dieser Zeit des Kulturkampfes nicht klein beigab. Seine Verhaftung erfolgte direkt nach einem Romaufenthalt, bei dem er von Papst Pius IX. empfangen wurde. Bei diesem Romaufenthalt stimmte er die Orgeln der 7 Hauptkirchen neu.

Hier in Litzelstetten fand er die Ruhe, um sich seinen Neigungen, Sprachen, Schreiben und Musik, widmen zu können. Im Rückblick schrieb Schleyer: „Die ersten 7 Jahre in Litzelstetten waren die schönsten meines Lebens“. 1885 wurde er wegen seiner angegriffenen Gesundheit pensioniert. Er zog nach Konstanz in die Schottenstr., wo ein Relief am Haus an Schleyer erinnert. Dort erlebte er um 1889 den Höhepunkt von Volapük, aber auch den Niedergang. Er zog sich grollend zurück.

Schleyer war ein hochbegabter Priester. Er konnte mehrere Sprachen, spielte nach eigenem Bekunden 22 Musikinstrumente. Seine Tagebücher von 1870 – 1878 weisen ihn als einen wissbegierigen, vielseitig interessierten Menschen aus, der sich nicht nur mit Theologie, Pädagogik und Sprachen befasste, sondern auch mit den kleinen alltäglichen Problemen seiner „Schäfchen“ vertraut war. An einigen Stellen lässt sich ablesen, dass er in kleinen Verhältnissen aufgewachsen war. Dank seiner vielseitigen Talente konnte er ein Gymnasium besuchen.

In Litzelstetten erinnert die Hauptstr. an Schleyer, ebenso eine Gedenktafel am Pfarrhaus. In Konstanz trägt ein Weg seinen Namen. Zur Zeit ist in der Bayer. Staatsbibliothek eine Sonderausstellung zu den beiden wichtigsten Plansprachen Volapük und Esperanto, eine posthume Würdigung der genialen Leistung von Johann Martin Schleyer.

Heribert Baumann

Wortfamilie Sprache in Volapük