Lebendige Kirche am Bodensee

Wie ein Feriengast die Gottesdienste in unseren Bodanrückgemeinden erlebt.

Auch in diesem Jahr habe ich eine Woche im Mai am Bodensee verbracht. Seit 12 Jahren ist dort mein Domizil die „Seeschau“ in Dingelsdorf. Von meinem Fenster aus geht mein Blick auf Überlingen am gegenübergelegenen Ufer und auf Kloster Birnau mit seiner herrlichen Wallfahrtskirche. Was für eine Landschaft!

Sie schwitzt nicht nur die abendländische Kultur aus, sondern sie atmet noch ganz aus den großen Werken des Heiligen Geistes. Da ist der geheiligte Boden der Insel Reichenau, auf der der heilige Pirmin das bis ins hohe Mittelalter bedeutendste Kloster des Reiches gegründet hat.

Wie viele Heilige haben dort gelebt und gewirkt von Pirmin über den großen Abt Berno bis hin zu Hermann dem Lahmen, dem Verfasser des Salve Regina.

In Konstanz stand das bedeutende Kloster der Dominikaner. Von hier aus tönten die gewaltigen Predigten des wahrscheinlich aus Überlingen stammenden seligen Heinrich Seuse: "Merkt auf, denn der Seuse will sausen"!

Über den Bergrücken am Gnadensee liegt Kloster Hegne. Dort ruhen in der Krypta die Gebeine der seligen Ulrika Nisch. Bei meinem letzten Besuch dort kam ein hünenhafter junger Mann im Motorrad-Dress mit dem Helm unter dem Arm in die Krypta, kniete am Schrein der seligen Ulrika nieder, legte seine Hand auf den Schrein und verharrte eine Weile im Gebet. Mir kam eine Passage aus T.S. Eliots Drama "Mord im Dom" in den Sinn: "Überall, wo ein Heiliger gelebt hat, ... wird die Erde geheiligt und die Heiligkeit weicht nicht von dort. Von diesem Ort entspringt, was die Kirche für immer erneuert. Deshalb, o mein Gott, danken wir dir, der du uns solch eine Segnung geschenkt hast".

Beschenkter Bodensee. Und heute?

Das Kloster auf der Reichenau ist verschwunden. Das Kloster der Dominikaner ist heute das exklusive Inselhotel. Dort, wo der selige Heinrich Seuse predigte und die Messe las, ist heute ein Speisesaal.

Und die Kirche? Das zu Konstanz gehörende Dingelsdorf bildet mit Dettingen, Litzelstetten und der Insel Mainau eine Seelsorgeeinheit, deren Zentrum St. Peter und Paul in Konstanz-Litzelstetten ist. In Dingelsdorf selbst wirkt als Ruheständler seit fast zwei Jahrzehnten der aus dem Saarland stammende 86 jährige Pfarrer Wilhelm Speicher, der mit seiner treuen 80 jährigen Haushälterin Renate Mannigel immer noch unermüdlich den Dienst versieht. Immer noch halten beide den großen Pfarrgarten pico bello in Schuss. Dort baut Wilhelm Speicher immer noch die Kräuter für seine berühmte Salbe an, deren Fabrikation heute allerdings die Schwestern von Hegne übernommen haben. Immer noch malt er seine wunderbaren tief geistlichen Bilder und verkündet unermüdlich das Wort Gottes in der heiligen Messe. Er ist wahrlich kein Symbol dafür, dass die Kirche alt ist; denn in seinem Herzen ist Pfarrer Speicher jünger als mancher junge, der wie sein eigener Großvater wirkt.

Der große Philosoph Dietrich von Hildebrand sagte einmal zu seiner Frau Alice, als er alt und todesmatt war: "Ich habe immer noch das Herz eines Löwen". Auch Wilhelm Speicher hat noch immer das Herz eines Löwen, weil auch in seinem Herzen der Löwe vom Stamme Juda wohnt.

Am Sonntag, dem 8. Mai, dem Tag der seligen Ulrika Nisch, besuchte ich die heilige Messe in St. Peter und Paul in Litzelstetten, die der Pfarrer der Seelsorgeeinheit, Pfarrer Zimmermann, hielt. Die Kirche war überfüllt mit jungen Familien. Was für eine Anzahl von Kindern! Das Herz konnte einem aufgehen. Und zwischendrin saßen die Älteren und Alten. Nach dem Evangelium führten die Kinder mit ihren Gruppenleiterinnen ein Spiel auf: Wir bauen einen Brunnen in Afrika.

Ich muss ehrlich gestehen, dass mit der Gedanke kam: O Gott, jetzt kommt wieder der ganze Sozialkram statt Predigt ohne Bezug zum Evangelium. Dem war aber nicht so.

Die Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache. Als sie ihr Spiel beendet hatten, hielt Pfarrer Zimmermann die Predigt ganz getreu der Verkündigung der Kirche. Er erläuterte in sehr kindgerechten Worten, die auch für die Erwachsenen bedeutsam waren, was es mit dem Brunnen, der Quelle, dem Wasser und Jesus auf sich hat. Es war eine Freude zu sehen, wie die Kinder mitgingen bei dieser Predigt. Danach las der Pfarrer die Messe ohne Zutaten und liturgische Mätzchen streng nach den liturgischen Regeln.

Ich war tief beeindruckt davon, dass es doch möglich ist, junge Familien und vor allem Kinder für die Messe zu begeistern, ohne den Weg der Kirche zu verlassen. Ein wirklich mustergültiges Beispiel aus Konstanz-Litzelstetten in der Diözese Freiburg.

Natürlich kann ich nicht beurteilen, wie die Früchte sind, die aus diesem Wirken des Pfarrers hervorgehen. Dafür bin ich zu weit vom Schuss. Aber deutlich wird hier ein Weg aufgezeigt, der auch für andere Pfarreien gangbar ist. Und wenn dies alles im Gehorsam und im Einklang mit der Kirche geschieht wie in Litzelstetten, dann wird auch der Segen des Himmels nicht ausbleiben.

Denken wir an die Worte unseres Papstes Benedikt: die Kirche lebt und sie ist jung.

Wie kann das auch anders sein, wenn in uns allen das Herz des Löwen von Juda schlägt, der gleichzeitig das Lamm mit der Todeswunde ist, aus der die Sakramente der Kirche entspringen. Die Kirche lebt, wenn wir Älteren mit dem Herzen des Löwen jung bleiben und den Kleinen und Jungen helfen, kindgerecht auf den Löwen von Juda, das Lamm Gottes, den Urheber und Vollender unseres Glaubens Jesus Christus zu schauen.

Die Benediktinermönche sind vor einigen Jahren auf die Reichenau zurückgekehrt und die jungen Familien in die Kirche von Litzelstetten.

Die Kirche lebt und sie ist jung!


Dr. Michael Schneider-Flagmeyer
(veröffentlicht in der katholischen Zeitschrift "Der Fels" 8-9/2005)