125 Jahre Volapük

vom Dorfpfarrer von Litzelstetten zum Weltbürger

Unter den Exponaten einer Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek in Graz, der Weltkulturstadt 2003, befand sich ein Manuskript, das vor genau 125 Jahren im Konstanzer Ortsteil Litzelstetten verfasst wurde. Sein Autor ist der damalige Pfarrer von Litzelstetten, Johann Martin Schleyer (1831-1912), der am 31. März 1879 den Entwurf seiner Weltsprache skizzierte.

Litzelstetten hat die Erinnerung an Volapük und seinen Autor wachgehalten im Hotel Volapük, dem Volapükweg, der Martin-Schleyer-Straße und zwei Gedenktafeln am Pfarrhaus.

Auch in seiner Heimatstadt Lauda-Königshofen ist er keineswegs vergessen: an seinem Geburtshaus im Ortsteil Oberlauda erinnert eine Gedenktafel an ihn, und eine Straße trägt seinen Namen. Auch das Gymnasium der Stadt ist nach ihm benannt, und das Heimatmuseum birgt zahlreiche Erinnerungsstücke, die von Prälat Johann Martin Schleyer stammen.

Zu den Exponaten des Museums gehört auch eine goldene Harfe: Schleyer erhielt sie 1881 zu seinem 50. Geburtstag (er war am 18. Juli 1831 geboren) von Mitarbeitern seiner Zeitschrift Sionsharfe (1876-1884). Für diese Zeitschrift erbat er sich anlässlich einer Italienreise im Frühjahr 1875 von Papst Pius IX. den Segen. Noch im gleichen Jahr musste er als Opfer des Kanzelparagraphen im badischen Kulturkampf vier Monate Festungshaft in Rastatt absitzen, die ihm eine Klage seiner Gegner in der Pfarrei Krumbach einbrachte. Im Dezember trat er eine neue Pfarrstelle in Litzelstetten bei Konstanz an und beginnt dort mit der Herausgabe der Monatszeitschrift für katholische Poesie. Manches seiner späteren Werke (z.B. Eutychia, der Stern des unentweihten Paradieses) erschien dort zunächst in Fortsetzungen. Schon seit seiner Zeit in Meßkirch (1862-1867) ist Schleyer schriftstellerisch tätig. Dort war 1863 sein erster Gedichtband Philalethes erschienen, dem zahlreiche weitere folgten, darunter mehrere in lateinischer Sprache.

Neben seiner literarischen Tätigkeit studierte Schleyer seit seinen Freiburger Universitätsjahren (er wurde 1856 zum Priester geweiht) Sprachen. Nach eigenem Bekunden hat er es auf über 50 gebracht. In einer schlaflosen Nacht im März 1879 kam ihm der Gedanke einer künstlichen Welthilfssprache (die Linguistik spricht heute von Plansprachen), deren Grundlagen er am 31. März 1879 ausarbeitete und in der Sionsharfe verbreitete.

Er traf ins Volle. Das Bedürfnis nach internationaler Kommunikation war vorhanden: die Welt war durch Eisenbahn, Post und Telegraphie bereits zusammengerückt. 1880 erschien Schleyers erstes Volapük-Lehrbuch in Sigmaringen, es gab ein enthusiastisches Presseecho, viele begannen, die neue Sprache zu lernen. Bald schon erfolgte im süddeutschen Raum die Gründung von Vereinen, die die Pflege und Verbreitung der Sprache betrieben. 1884 kann in Friedrichshafen ein erster internationaler Kongress stattfinden, auf dem man eine von Schleyer vertonte Volapük-Hymne sang, die die neu entstandene Brüderlichkeit der Menschen preist. 1887 und 1889 folgen Kongresse in München und Paris. Der Siegeszug des Volapük scheint unaufhaltbar zu sein. Die Sprache fasst in ganz Europa und Übersee Fuß, zahlreiche Zeitschriften erscheinen, die in Volapük entstandene Literatur umfasst rund 1000 Titel, darunter auch Belletristik. Volapük wurde zum Modeartikel: Champagner und Rheinschiffe wurden so getauft, Schleyer selbst avancierte vom Dorfpfarrer zum Weltbürger: sein Name war in aller Munde. Auf der Mainau, die zu seiner Litzelstetter Pfarrei gehörte, hatte er Kontakt zum Großherzog von Baden und selbst zum Kaiser.

Aufgabe der 1887 gegründeten Volapük-Akademie wäre es gewesen, die sprachliche Entwicklung zu überwachen. Doch ihr Präsident, der Pariser Professor Auguste Kerckhoffs (1835-1903), noch heute als Spezialist für Kryptographie bekannt, schlägt sich auf die Seite der Reformer, führt den Bruch mit Schleyer herbei und leitet einen jähen Niedergang der Sprache ein. Volapük war zwar regelmäßig, aber Wortschatz und Wortbildung machten die Sprache - wie man spottete - "schleyerhaft". In den 90er Jahren gerät Volapük zunehmend in Vergessenheit.

Schleyer überlebt seinen eigenen Ruhm. Er arbeitet zwar vor allem am Wörterbuch des Volapük weiter, widmet sich aber immer mehr philanthropischen Themen, verfasst Gebete, Sentenzen, Aphorismen und zahlreiche Ratgeber.

Schleyer war ein Dorfpfarrer von Weltformat. Ein internationales Komitee koordiniert heute die Bemühungen um Seligsprechung, organisiert eine weltweite Unterschriftensammlung, bereitet Neudrucke von Schleyers literarischen Werken vor und hat 2004 mit der Herausgabe eines Schleyer-Jahrbuches begonnen, das sich der wissenschaftlichen Erforschung von Leben und Werk widmet.

Schleyer war als Freiburger Diözesanpriester nach seiner Priesterweihe 1856 in Sinzheim, Baden-Baden, Kronau, Wertheim und Meßkirch tätig, ehe er eigene Pfarreien in Krumbach (1867-1875) und Litzelstetten (1875-1885) übernahm.

Schon 1863 trat er mit einem ersten Gedichtsband Philalethes an die Öffentlichkeit und machte sich bald mit zahlreichen Publikationen (Lyrik, Schauspiele, Erzählungen) einen Namen. Von Pius IX. erbat er sich im Frühjahr 1875 den Segen für seine Zeitschrift Sionsharfe (1876-1884), die der katholischen Poesie gewidmet war. Hier veröffentlicht er im Mai 1879 den Entwurf seines Volapük, dem dann ein Jahr später ein Lehr- und Wörterbuch folgte. Der Erfolg war erstaunlich: es entstanden Vereine, die sich der Pflege und Verbreitung der neuen Sprache annahmen, die bald auch im europäischen Ausland und in Übersee Fuß fasste.

1884 trafen sich die Volapüksprecher zu einem ersten internationalen Kongress in Friedrichshafen, 1887 in München (wo man eine Volapük-Akademie gründete, der die Entwicklung der neuen Sprache oblag) und 1889 in Paris.

Schleyer wandte sich in seinen letzten Lebensjahren in seinen Schriften wieder verstärkt philanthropischen Themen, Gebeten, Sentenzen und Aphorismen zu. 1894 ernannte ihn auf Vorschlag des Freiburger Erzbischofs Papst Leo XIII. zum Prälaten.

Im Jahre 2001 wurde Prälat Schleyer zur Seligsprechung vorgeschlagen. Ein internationales Komitee organisiert eine weltweite Unterschriftenaktion, sorgt für Neuauflagen von Schleyers Werken und bereitet ein "Schleyer-Jahrbuch" vor, das Leben und Oeuvre weiter wissenschaftlich untersuchen wird. Schleyer gilt heute als Patron der Völkerverständigung. Seine Grabstätte auf dem Hauptfriedhof in Konstanz, dessen Grabmal im Jahr 2002/2003 mit Hilfe von Spenden renoviert wurde, kann zu einem stillen Ort des Gebetes werden.

Am 28. April 2004 fand wieder das Schleyer-Komitee-Treffen im Pfarrhaus Litzelstetten statt. Am Abend desselben Tages hielt Reinhard Haupenthal - der beste Kenner des Prälaten Martin Schleyer - einen beachtenswerten Vortrag in der Volkshochschule Konstanz über Martin Schleyers Weltsprache "Volapük".

Ende Oktober 2004 fand in Lauda - dem Geburtsort Schleyers -, dessen Gymnasium zahlreiche Erinnerungsstücke Schleyers aufbewahrt, eine Ausstellung statt, wobei zur Eröffnung am 29. Oktober Reinhard Haupenthal den Festvortrag "125 Jahre Volapük" hielt und der dortige Pfarrgemeinderat mit Pfarrer Grein das Anliegen der Seligsprechung aufnahm.

Im Pfarrhaus St. Peter und Paul / Litzelstetten besteht seit längerem das Johann Martin Schleyer-Archiv, das unter Pfarrer Zimmermann schon erheblich erweitert wurde. Auch will der Ort Litzelstetten auf Initiative von Ortsvorsteher Rudolf Riedle im ehemaligen Rathaus über die Ortsgeschichte eine kleine Ausstellung zu Johann Martin Schleyer ermöglichen.

Pfarrer Bernd Zimmermann
mit Hilfe von Presse-Informationen
zum Volapük-Jubiläum von Reinhard Haupenthal

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