Glockenweihe und Gedenken an den 90. Todestag von Johann M. Schleyer

Ansprache am 30. Juni 2002 beim Patrozinium St. Peter und Paul von Ortspfarrer Bernd Zimmermann

Indem wir uns jedes Jahr am Patrozinium unserer Gemeinde an die zwei bedeutenden Apostel Petrus und Paulus erinnern, deren Namen unsere Pfarrkirche trägt, ist dies in diesem Jahr ein besonders festlicher Anlass; wenn ein Nachfolger der Apostel, Erzbischof Raphael Cheenat von Orissa/Indien mit besonderem Auftrag und Gruß unseres Ortsbischofs Erzbischof Oskar Saier ein Pontifikalamt bei uns zelebriert, der heute im Münster von Freiburg nach 30 Jahren Dienst als Bischof verabschiedet wird.

Außerdem sind an diesem Festtag im Jahr 2002 noch zwei außerordentliche Anlässe, die dieses unser Patrozinium besonders herausragen lassen aus unseren Gemeindefesten. Es ist der 90. Todestag eines meiner großen Vorgänger als Pfarrer von Litzelstetten: Johann Martin Schleyer. Und im Rahmen dieses Festgottesdienstes hat unser zuständiger Erzbischof mich delegiert, die e`-Glocke, die von nun an als 5. und tiefste Glocke nach der Jahrtausendwende uns zu festlichen Gottesdiensten einlädt, nach vorgeschriebenem Ritus zu weihen.

Diese von nun an größte Glocke der Pfarrei trägt den Namen des dreieinigen Gottes und ist somit in großer Dankbarkeit und Anbetung Gott dem Vater, Sohn und hl. Geist gewidmet, also dem ewigen, lebendigen Gott selbst, der in inniger Beziehung eine Austausch- und Liebesgemeinschaft bildet als unser Abba Vater, wie wir ihn nennen dürfen, und dem Sohn Jesus Christus im hl. Geist, der letztlich die Liebe Gottes selber ist. Dieses innergöttliche Leben sagt zugleich etwas für unser Menschliches Miteinander aus. Es ist Modell und Vorbild für unsere menschlich-kirchliche Gemeinschaft im Miteinander glauben, hoffen und lieben, wie dies der Künstler Wachter in der Glockenprägung zum Ausdruck gebracht hat. 

Schon im frühen Christentum, seit dem 2. Jahrhundert nach Christus wurde die Glocke von Kirchenschriftstellern als Symbol der Verkündigung der christlichen Botschaft verstanden.

Ausgehend von den 12 Glöckchen am Rocksaum des alttestamentlichen Hohenpriesters hat man Bezüge zu den 12 Stämmen Israels hergestellt. So wurde der Hohepriester Repräsentant für ganz Israel. In der Folge wurde dies im Neuen Testament auf die 12 Apostel übertragen, die von nun als Repräsentanten für das gesamte neue Gottesvolk gelten.

So wurde nach und nach der Glocke für die Kirche eine wichtige Aufgabe zugewiesen, sie wurde das akustische Zeichen des Christentums und neues Rufinstrument für Gebet und Gottesdienst.

Der Kirchenvater Gregor von Nyssa nennt Glocken schon im 4. Jahrhundert Verkünder des dreifaltigen Gottes. Seit Ausgang des 8. und beginnenden 9. Jahrhunderts ist das Abendland ohne Glockengeläute nicht mehr zu denken. So gehört zum Werden Europas der Glockenschlag und das Läuten der Glocken. Mit Hilfe der Glocke wird der Lebensrhythmus in den Klöstern, Städten und Dörfern geprägt. Das Läuten der Glocken ordnet die Zeit des Gebets, der Arbeit und der Freizeit.

Der Glockenschlag mahnt zugleich die Lebenden, ihre Gedanken nicht nur auf das Irdische, sondern auch auf Ewiges zu richten, für Augenblicke inne zu halten und über Sinn und Grundfragen des Lebens nachzudenken. So lädt das Läuten der Glocken ein zum Nachdenken über das uns in der Taufe geschenkte ewige Leben, die Glocken beklagen die Toten und begleiten sie auf ihrem letzten Weg.

Glocken werden immer für den Frieden geweiht. Aber wie oft mussten sie das unschuldige Leiden, ja sogar den Tod der Menschen teilen und wurden zu Kanonen für Kriegszwecke umgegossen. Kaum ein Schriftsteller hat dies treffender gesagt als Reinhold Schneider, der unzähligen Soldaten mit seinen Sonetten Trost in die Schützengräben brachte und in seinem Buch "Das Inselreich" sich darüber äußerte. Es sind Worte, die wir auch für unser Dorf und unsere Stadt bedenken sollten. Da heißt es: "Verlieren die Glocken ihre Gewalt über den Lärm, die Türme die Herrschaft über die Dächer, so ist keine Hoffnung und kein Leben mehr". Wie wahr diese Worte doch sind, haben im letzten Jahrhundert Diktatoren und gottlose Systeme in den Kriegen uns dramatisch vor Augen geführt.

Auch von diesem Kirchturm St. Peter und Paul wurden für den 1. Weltkrieg und im 3. Reich für den 2. Weltkrieg Glocken eingeschmolzen. Wie glücklich und stolz war danach die kleine Pfarrgemeinde St. Peter und Paul, die damals noch eine Einheit mit der Ortsgemeinde bildete, als sie durch große Eigenspenden und persönliche Opfer im Jahr 1953 die neuen 4 Glocken unter Pfarrer Hepp anschaffen konnten: Die große Christusglocke und die Glocke zu Ehren unserer Pfarrpatrone Petrus und Paulus. Diese beiden großen Glocken sollten alle in der Gemeinde an den Auftrag unseres Herrn Jesus Christus erinnern, insbesondere an den Sonn- und Feiertagen hier in dieser Kirche des Amtsträgers Petrus und des großen Missionars Paulus immer wieder Christi Tod am Kreuz zu gedenken und seine Auferstehung zu feiern bis er wiederkommt. Und dazu die Marienglocke, die uns beim Angelus-Läuten am Morgen, Mittag und Abend verkündet, dass Gott in Maria Mensch geworden ist, damit auch wir Ortsbewohner trotz Hitze und Gefecht im Alltag - so wie Gott einer von uns wurde - immer menschlich miteinander umgehen.

Und schließlich die kleinste Glocke, dem Schutzengel geweiht, dass Gott uns behüte auf all unseren Wegen. Wenn wir diese kleinste Glocke dreimal hören wissen wir: Jetzt ist bei einem von uns aus der Pfarrgemeinde die irdische Zeit abgelaufen und wir sollten innehalten und für ihn beten, dass der Engel Gottes ihn geleiten möge in die ewige Wohnung, die uns im Himmel bereitet ist.

Fragen wir uns nur auch heute einmal: Was ist, wenn Glocken verstummen? Wir kommen zur Erkenntnis: Ja, dann war immer eine schlimme Zeit. Es waren immer Anzeichen kirchlichen, politischen, gesellschaftlichen und moralischen Niedergangs, oft Kriegszeiten und Zeiten der Unfreiheit.

So soll die Weihe der von nun an größten Glocke dieser Kirche mit dem für den gesamten Klang grundlegenden e’Ton zur Ehren unseres christlichen, drei-einigen Gottes ein besonderer Dank sein für eine im Verhältnis für uns lange zurückliegende Zeit des Friedens, des Aufbauens und der Freiheit, aber zugleich mit ihrem Ton auch Mahnung werden, bei all unserem Wohlstand und Glück, Gott nicht zu vergessen, damit nicht wieder Zeiten des Unglücks, der Gottesferne und des Bösen über uns hereinbrechen.

Seinem Roman "Wem die Stunde schlägt" stellt Ernest Hemingway ein beachtenswertes Leitwort eines Lyrikers aus dem 17. Jahrhundert zum Glockengeläute voran. Da heißt es: "Kein Mensch ist eine Insel im Innern seines Ichs, jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Ganzen; wenn ein Brocken Erde von der See weggeschwemmt wird, wird Europa umso kleiner ..., jedes Menschen Tod vermindert mich, weil ich zur Menschheit gehöre". Darum frage nie, wenn es läutet, wem die Stunde schlägt. Sie schlägt immer für dich!

Vielleicht stört es deshalb Einige, wenn die Glocke immer wieder schlägt. Sie sollten sich fragen: Verstehen wir uns noch eingebunden in das Ganze? Oder haben wir uns davon getrennt, Teil des Ganzen sein zu wollen und kennen nur noch uns und unsere eigenen Belange? Damit schließen sie sich in ihre eigenen Mauern ein und wollen sich nicht mehr als einen Teil des Ganzen in die Gemeinschaft einbringen. Aber Glocken erinnern eben unüberhörbar jeden Einzelnen davon, sich selbst einzubringen in das Ganze, in die Gemeinschaft, in die Gemeinde, in die Kirche. Und Kirche ist nicht irgendwer; Kirche sind wir, jeder Einzelne, zusammen mit den Aposteln Petrus und Paulus und deren Nachfolgern und der ganzen Gemeinschaft derer, die an Jesus Christus glauben.

Davon war auch Pfarrer Johann Martin Schleyer tief überzeugt.

Wenn wir seine Genialität für Sprachen, religiöse Dichtung, für Kunst und Musik bewundern - auch hatte er für zwei Pfarreien Glocken angeschafft, besser gesagt erbettelt, wie berichtet wird, auch für seine Pfarrkirche in Litzelstetten. Leider wurden diese Glocken für St. Peter und Paul schon beim 1. Weltkrieg eingeschmolzen. Aber das ist bei ihm nicht alles. Er sah sein unermüdliches Wirken und Arbeiten als Beitrag zur Verständigung der Völker aller Hautfarben und Rassen der einen immer mehr zusammenrückenden Welt, indem er mit seiner Erfindung der Weltsprache Volapük "Menade bal - püki, bal" einer Menschheit eine Sprache geben wollte. Von seinem christlichen Glauben her sah er darin seinen Beitrag für eine in ihrer Sprachen- und Mentalitätsvielfalt sich immer mehr aufeinander näher rückenden Welt.

Und dabei kannte er keine Scheu, seinen christlichen Standpunkt und Standort in der in Einheit mit Rom verbundenen katholischen und apostolischen Kirche zu bekennen, was ihm eine Kerkerhaft während des Kulturkampfes in Raststatt einbrachte, wo er an Typhus erkrankte, bis er in das damalige kleine und arme Litzelstetten als Pfarrer eingesetzt wurde. Hier hat er dann auch seine Weltsprache Volapük im Eckzimmer des oberen Stockwerkes des Pfarrhauses erfunden.

Letztlich verstehen wir seine wissenschaftliche, literarische und seelsorgerliche Tätigkeit nur, wenn wir sein tief mit Gott verbundenes Leben nicht übersehen, das unter anderem auch aus einem von ihm verfassten Gebet der vollkommenen Liebe zu Gott im Jahr 1876 hervorgeht, als er hier Pfarrer von Litzelstetten war. Darin kommt seine ganze Sehnsucht zum Ausdruck, Gott mit ganzem Herzen und allen Kräften zu lieben und anbetend und tief verehrend innerhalb der Gemeinschaft der Kirche in die Liebesgemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes eingebunden zu werden.

So soll auch mit dieser Glocke zu Ehren des dreieinigen Gottes die Liebe Gottes in uns zum Klingen kommen: Gott selbst soll in uns sprechen, dem wir uns als dem guten Vater unsere Hände ausstreckend glaubend anvertrauen. In Gemeinschaft mit den Aposteln Petrus und Paulus und deren Nachfolgern werden wir hoffend auf Christus bauen, der als Weinstock uns Kraft und Halt gibt, weil er seinen Jüngern versprochen hat, bei Ihnen zu bleiben bis zum Ende der Welt. Und in der Liebe seines Geistes - die Rose deutet dies an der Glocke an - versuchen wir, die Verständigungsschwierigkeiten und Spannungen in unserem menschlichen Miteinander auszugleichen und zu überwinden.

Wenn dann so diese Glocke zu Ehren und zum Lobpreis des dreieinigen Gottes in uns selbst zum Klingen kommen kann, ist auch im neuen Jahrtausend die Frohbotschaft Jesu Christus für die Menschen erreichbar. Amen.


Südkurier 01.07.2002