Die Pfarrgemeinde St. Verena im Jahr 2014

Die Pfarrgemeinde St. Verena hat auch im vergangenen Jahr wieder auf vielfältige Weise gezeigt, dass Kirche dort zu finden ist, wo die drei Grundaufgaben der „Liturgie“, „Diakonie“, „Verkündigung“ im Einklang zueinander stehen und sich gegenseitig befruchten. Dies war nur durch den tatkräftigen und oft auch zeitaufwendigen Einsatz vieler engagierter Mitchristinnen und Christen möglich. Ich möchte in diesem Jahr keine einzelnen Projekte, Aufgaben und Dienste hervorheben, sondern ein herzliches „Vergelt’s Gott“ an alle Personen richten, die sich für Gott und unsere Gemeinschaft eingesetzt haben. Durch SIE ist die Botschaft von der Nähe und Liebe Gottes sichtbar geworden ist. Bitte fühlen Sie sich angesprochen und ermutigt sich weiterhin in unserer Gemeinde einzubringen.

An dieser Stelle möchte ich den Blick auf die Zukunft unserer Gemeinde richten. Wir stehen am 1.1. 2015 vor der Gründung der sogenannten Kirchengemeinde „neu“ und vor neuen Wegen des Miteinanders mit unseren Partnergemeinden in Dingelsdorf und Litzelstetten. Dieser Umbruch bedeutet Veränderungen bietet aber auch die Chance, unsere neue Kirchengemeinde weiterzuentwickeln und aktiv mitzugestalten. Mich bewegen in diesem Zusammenhang drei von der österreichischen Pastoraltheologin Maria Widl in ihrem Buch „Kleine Pastoraltheologie, Realistische Seelsorge“ vorgestellte und real existierende Entwicklungsstufen von Pfarrgemeinden:

Sie sieht die „Pfarrerpfarre“ als erste Stufe und von einer starken vormodernen Gläubigkeit geprägt und getragen. Die Struktur der Gemeinde ist hierarchisch gegliedert und der allein verantwortliche Priester versucht mit von ihm ausgewählten und passenden Mitarbeitern der Gemeinde eine pastorale Vollversorgung zu bieten. Schon die Würzburger Bischofssynode von 1975 fordert aber einen Entwicklungsschritt der Gemeinde von einem passiven pastoralen Versorgtwerden zu einem in der Eigenverantwortung aller begründeten aktiven gemeinsamen Dienst.
Diese Forderung wird in der zweiten Entwicklungsstufe nach Maria Widl, der sogenannten „Aktivistenpfarrei“, umgesetzt. Das Gemeindeleben ist hierbei durch die Vielfalt von Aktivitäten und Gruppen sowie die Mitverantwortung der Laien geprägt. Die Gemeinde ist Dreh- und Angelpunkt für eine gemeinsame Freizeitgestaltung und jeder darf und muss sich einbringen, um zur Gemeinde zu gehören. Der Priester nimmt vorwiegend eine motivierende, beratende, integrierende und vermittelnde Position ein und führt Laien zur Selbstständigkeit -wodurch er selber wieder Freiräume für die Seelsorge erhält. Dieses Pfarreimodell wird nach Maria Widl aber problematisch, wenn die herkömmliche Form des Engagements in Gruppen in die Krise kommt oder wenn durch Aktivismus die geistliche Tiefe verloren geht. Der Theologe und Soziologe Matthias Sellmann sieht eine gruppenhafte Gemeinde nicht in der Lage eine Antwort auf die Herausforderungen und das Komplexitätsproblem unserer Zeit zu bieten.

An diesem Punkt steht für Maria Widl, auch Lehrstuhlinhaberin an der Universität Erfurt, die Weiterentwicklung zum Pfarreimodell der „verbindlichen Gemeinde“. In diesem wird eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn aller Aktivität und des Aufwandes gesucht und die Glaubensvertiefung in das Zentrum des Gemeindelebens gestellt. Das Erkennen und Leben der persönlichen Berufung und die persönliche Ergriffenheit von Gott wird zum Schlüssel zur Beantwortung der Sinnfrage. Der Priester sieht sich in diesem Modell mit seinen eigenen Fragen und Zweifeln auf einem gemeinsamen Glaubensweg mit anderen Christinnen und Christen und legt die Schwerpunkte in Liturgie und Exerzitien auf eine Erfahrbarkeit des Glaubens. Eine verbindliche Glaubensgemeinschaft erkennt, „daß man nur geben kann, was man selber empfangen hat“ und sucht nach vertiefenden Gotteserfahrungen, die wiederum die Basis dafür sind den eigenen Glauben weiterzutragen. Diese geistliche Dimension von Reich Gottes ist die zentrale Motivation für die Umsetzung der drei Grundaufgaben in der „verbindlichen Gemeinde“.

Ich wünsche uns allen, dass wir die Chance des Umbruchs nutzen und der Umbruch zu einem Aufbruch wird. Ganz herzlich bitte ich Sie, IHRE Fähigkeiten und Gaben auch im neu zu wählenden Pfarrgemeinderat, dem neuen Gemeindeteam oder in einem Projekt unserer neuen Gemeinde einzubringen.


Markus Flaisch,
Pfarrgemeinderatsvorsitzender St. Verena