Pfarrfasnacht von heute – Kirche von morgen

Närrische Rundreise von Venezien bis ins Jahr 2050

Ein nahezu bis auf den letzten Platz gefülltes Gemeindehaus erlebte die Pfarrfastnacht 2013, die in den neu gestalteten Räumen des katholischen Zentrums am Kornblumenweg rund 170 Besucher am Mittwoch vor dem „Schmotzige“ in fröhliche Stimmung brachte. Zum wiederholten Mal hatte die Pfarrei von Sankt Peter und Paul eingeladen – und begrüßte in ökumenischer Zweisamkeit auch die protestantischen Mitchristen zu einem kunterbunten Programm, an dem sich erneut verschiedenste Litzelstetter Initiativen und Persönlichkeiten beteiligten.

In ausgiebiger Vorbereitung hatte ein Team aus Pfarrgemeinderäten um Gertrud Keller und anderen engagierten Helfern nicht nur einen atmosphärisch leuchtenden Festsaal gestaltet. Auch die angedachten Höhepunkte fanden bei den Gästen applaudierenden Anklang. Zwischen Luftballons und Luftschlangen, zwischen Berlinern und Nusszopf kam es bei volkstümlichen Liedern und bekannten Hits aus den Karnevalshochburgen zu gemeinschaftlichem Schunkeln und großer Ausgelassenheit.

Inhaltlich hatten sich die beteiligten Protagonisten insbesondere auch mit Litzelstetten und seinen ortspolitischen Themen beschäftigt. So war der Gesang und die Musik der Rohrinstrumente, die die Gruppe „Kazookies“ mitgebracht hatten, ganz auf Reime und Scherze zum neu gestalteten „Milchhäusle“ ausgerichtet, in dem sich nun die „Kuckucke“ treffen und ihr Nest eingerichtet haben. Das „Fastnachtslied-Potpourri 2013“ war für jedermann zum Mitsingen gedacht, Mundart und Dialekt inklusive.

Eröffnet hatte Pfarrer Bernd Zimmermann, der in altertümlichem Talar auf der Bühne erschien. Erstmals seit 40 Jahren wollte er ihn wieder geholt haben – und noch 59 immer passte er ihm. In seiner mit kräftiger Stimme vorgetragenen „Predigt“ erkannte er Mäschgerle an der Himmelspforte aus Kirche und Welt, die Litzelstetter im Wolkenreich, die Vertrauten und Helfer. Mit diesen Worten würdigte Pfarrer Zimmermann auch die immer wieder fleißigen Ehrenamtlichen, die zum Gelingen des Nachmittags beitrugen – und auch sonst im Jahr für ihre Einsatzbereitschaft bekannt sind.

Zwischen Klängen zu „Mein Vater war ein Wandersmann“ oder „Ein weißer Schwan“ wurde die Bühne rasch für die nächste Darbietung umgebaut – die Ministranten hatten sich eine ganz besondere Parodie einfallen lassen: „Wir suchen unseren Mesner“. Überfordert spielten die Jugendlichen eine Szene nach, die hoffentlich so niemals eintreten wird. Ein Sonntag ohne Mesner, hilflos und aufgeschmissen. Weder die richtigen Gewänder, noch der passende Messwein waren vorhanden; die Tasten für die Kirchturmglocken brachten sie ebenso durcheinander wie die Lesung oder die Liedauswahl.

Dieses war von den unterschiedlichsten Verkleidungen durchzogen: Im Saal tummelten sich Clowns und Teufel, Zauberer und Indianer, Kapitäne und Hasen. Auch Ortsvorsteher Heribert Baumann war mit Frau erschienen, ebenso Verwaltungsleiter Klaus Frommer und sein Vorgänger Herbert Meyer. Aus Dingelsdorf besuchte der vor kurzem pensionierte Kollege Stefan Pister die Runde. Allesamt stimmten sie ins „Badnerlied“ ein, gleichsam wie „Ein Prost auf die Gemütlichkeit“ intensiv und engagiert begleitet von Wolfgang Eckert am Akkordeon. Bei eifriger Bewirtung mit Weinen und Kaffee entwickelte sich die Atmosphäre bald zu einem wohligen Abbild der Dorfgemeinschaft, die von unterschiedlichsten Altersgruppen vertreten war.

Ursula Langeneck, seit rund 35 Jahren Litzelstetterin, stellte ihre Einlage unter die Frage nach der Vergänglichkeit von Schönheit und Jugendlichkeit. Vor ihrem Spiegel bemerkte sie mehr und mehr Falten, als es noch ein Kosmetikstudio in Litzelstetten gab, sei das anders gewesen. Und überhaupt: Die Musik von früher sei nicht mehr, heute ginge es nur noch um Diäten, Körpersolidarität und Haare. Im Blick auf die Vergangenheit sei zwar nicht alles besser, aber einfacher gewesen, bilanzierte sie in ihrer selbstkritischen, aber überaus humorvollen Art. Letztlich seien es doch die inneren Werte, die zählten. Und für alle Nachdenklichen schloss sie: „Das Alter ist ein Gewinn, wie gut, dass ich nun schon 65 bin“.

Der evangelische Pfarrer, Christof Ellsiepen, war lange nicht in der Menge aufgefallen. Hatte er sich doch unter einem klassischen Kostüm und Maske aus Venedig versteckt. Entsprechend gab er sich auch als venezianischer Polizist auf Kurzbesuch in Litzelstetten aus, eine Empfehlung sei der kleine Ort, auch in seiner italienischen Heimat. Und so schwärmte er einerseits für die Pfahlbauten und den „Bau- Mann“, der typisch deutsche Gastfreundlichkeit im Rathaus lebe. Vor der Post stehe man zwar meist vor verschlossenen Türen, dafür strahle der Kirchturm in seiner ganzen Pracht. Einen wirklichen Ortskern kenne niemand, dafür seien alle auf ihren Erholungsort stolz. „Ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir bauen die Litzelstetter Wellness-Bucht“, so sangen es die Zuhörer im Refrain – und brachten damit vielleicht einen kleinen Wunschtraum der Touristen zum Ausdruck.

Die Frauengemeinschaft unternahm schließlich einen gewagten Versuch, einen Blick auf die Kirche von 2050 zu werfen. In einem äußerst gelungenen Sketch spielten sie die Situation der „Seelsorgeeinheit Bodensee“ nach, die aus Dutzenden kleineren Pfarreien zusammengeschmolzen war und in der der Pfarrer die Kirchen nur noch alle paar Monate besuchte. Beim Versuch, einen Taufschein zu bekommen oder eine Hochzeit anzumelden, blieb nichts Anderes als der Anruf bei der Telefonhotline, die von Taste 1 bis Taste 9 zwischen der Kirchenverwaltung und der Vergabe von Sakramenten hin und her schaltete. Wer im Mai heiraten will und im Februar anruft, bekommt frühestens im Dezember einen Termin zum Vorgespräch, gab die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung zur Auskunft.

In der Hoffnung, dass es nicht so kommen möge, verabschiedete man sich in den Abend mit Gesang durch den Kirchenchor. Vom „Litzelstetter Hochzeitsblues“ über den „Eiermann“ bis hin zu „Die Bescht“, eine Hommage an Dirigentin Heizmann. Klangvolle Stimmen und ein Dank an alle, die an diesem Nachmittag für ein großes Gelingen beigetragen hatten, begleiteten die Gäste auf dem Nachhauseweg in die närrische Nacht.

Dennis Riehle